Gedanken zum Wesen des Glaubens
Unsere Zeit zwingt uns, über das Phänomen des Glaubens nachzudenken. Die materielle Welt vermag uns keine Geborgenheit mehr zu schenken; jenes selbstverständliche Grundvertrauen in den Fortgang des Daseins haben mannigfaltige Gefährdungen zunichte gemacht. Dabei zeigt sich ein Paradox: Einerseits erscheint uns der Glaube als letzte Möglichkeit des Überlebens und als einziger Zufluchtsort, andererseits wirkt er wie ein sinnloses Wagnis, das sowohl unser Innenleben als auch die Verhältnisse um uns herum zu widerlegen scheinen. Wir müssen uns fragen, was Glaube eigentlich bedeutet.
Zunächst handelt es sich beim Glauben um eine spezifisch christliche Wirklichkeit. Er richtet sich auf etwas Konkretes, geschichtlich Faßbares, und dieses Gegenüber existiert unabhängig vom Glaubenden – ähnlich wie die Außenwelt unabhängig vom betrachtenden Auge besteht. Christlicher Glaube ist untrennbar mit der göttlichen Selbstmitteilung verbunden und kann ohne diese nicht sein, genauso wie diese Selbstmitteilung keinen anderen Sinn hat, als eben jenen Glauben zu ermöglichen. Beide Größen bilden eine Einheit, die man weder auflösen noch getrennt voneinander verstehen kann. Ohne die göttliche Selbstoffenbarung, die der Glaube erfaßt, gibt es keinen Glauben, und ohne den erkennenden Glauben gibt es keine Offenbarung. Dennoch wird diese schlichte Wahrheit am häufigsten mißachtet.
Man nennt heute nahezu jede gefühlsmäßige Bewegung, jede riskante geistige Einstellung Glauben. Einer verkündet seinen Glauben ans Dasein, ein anderer schwört auf die Anbetung des Schönen oder der moralischen Verpflichtung, ein dritter bekennt sich zu sozialistischen Idealen. Ob jemand Gandhi oder Christus verehrt – manche führen auch Exponenten der radikalen politischen Rechten oder der radikalen politischen Linken an (es gibt ideologische Überzeugungssysteme jeder Prägung) – spielt keine Rolle, solange nur Enthusiasmus und Tatendrang geweckt werden. Nachdem die Wahrheit zusammengebrochen ist, scheinen allein die obskursten seelischen Impulse noch Gewicht zu haben; Leidenschaft tritt an die Stelle von Einsicht. Dieselbe Denkweise verleitet dazu, den Glauben mit irgendeiner angeborenen menschlichen Kapazität zu verwechseln (etwa einem Gespür für das Numinose, einem Gefühl der Abhängigkeit oder sonstigen inneren Kräften) oder mit dem, was man religiöse Erfahrung nennt. Solche Lehren, die man als Überhöhung des subjektiven Empfindens beschreiben könnte, suchen ausschließlich in der menschlichen Natur selbst nach Mitteln der Selbsttranszendierung und können den Menschen gerade deshalb nicht befreien: denn diese mystischen Ansätze sperren uns in unser eigenes Selbst ein. Was echten Glauben hervorbringt, entspringt niemals unserem Inneren; die göttliche Zuwendung kommt von außerhalb unserer selbst.
Auf der anderen Seite gibt es jene, denen es hauptsächlich darum geht, den gegenständlichen Charakter der göttlichen Selbstmitteilung zu sichern. Sie verstehen diese als ein in sich schlüssiges Aussagensystem, dessen logische Konsistenz über die Wahrheit entscheidet und das jeder vernünftigen Intelligenz offensteht. In dieser himmlischen Gedankenlehre kommt es nicht darauf an, wie das Bewußtsein sich annähert und aneignet, sondern einzig auf den überirdischen Gehalt. Doch wer wollte sich mit dieser starren Lehrmeinung begnügen, wenn nichts sie von innen her belebt?
So verzerren vom blinden Gefühlsglauben bis zur reinen Vernunftlehre beständige Irrwege die christliche Wirklichkeit. Diese vereint nämlich im Geschehen des Glaubens – jenem Meisterstück des Heiligen Geistes, wie Calvin es bezeichnete – die Gewißheit mit ihrem Inhalt, Gott mit der Seele, der Er sich schenkt, indem Er sich ihr offenbart. Diese Einheit ist weder rationaler noch emotionaler Art und hebt sich ab von unseren üblichen Erkenntnisformen, bei denen wir Betrachter und Betrachtetes unterscheiden und anschließend zueinander in Beziehung setzen können; noch weniger gleicht sie einem Zutrauen, das uns zur Verfügung stünde und das wir nach Gutdünken verstärken oder ausweiten könnten, wenn wir nur unseren Eifer nicht erlöschen ließen. Christlicher Glaube ist ein konkretes Handeln Gottes und das Handeln eines konkreten Gottes.
Nun gilt es zu bestimmen, was diese übermenschliche Bestimmung ausmacht, in welche unsere ganze Menschlichkeit hineingenommen wird.
Die Heilige Schrift versteht den Glauben als persönliche Erwiderung auf ein Handeln Gottes. Beide Aspekte sind gleich wichtig und unverzichtbar, wobei einer davon, nämlich das göttliche Wort, immer den Anfang macht und die Richtung vorgibt. Im Akt des Glaubens wird der Primat Gottes ebenso deutlich wie im gesamten christlichen Verständnis der Geschichte. Von Abraham an bis zu den schlichtesten Gläubigen im Evangelium ist es durchweg ein Impuls von oben, der die menschliche Entscheidung auslöst. Wer das elfte Kapitel des Hebräerbriefes liest, erkennt diesen Zusammenhang klar. Gott redet; der Mensch vernimmt und glaubt. Die seelische Verfassung des Glaubens ist daher nebensächlich, ebenso die Mischung der beteiligten Komponenten – ob gefühlsmäßig, willensmäßig oder verstandesmäßig; jede Parallele zu anderen menschlichen Vollzügen (wie Liebe, Zutrauen oder unmittelbare Erkenntnis) erscheint zweitrangig. Entscheidend ist nicht, wie wir erwidern, sondern daß wir erwidern, und daß zuvor Gott geredet hat. Der Akt des Glaubens unterscheidet sich damit grundlegend von allen magischen Praktiken, die Gott in unsere Macht bringen und ihn unseren inneren Ansprüchen unterwerfen wollten. Am Anfang des Glaubens steht immer Gott und nie wir selbst; oder anders ausgedrückt: glauben heißt Gott glauben, dem redenden Gott, Gott in seinem Reden, Gott in seinem Reden zu uns.
Diese Einsicht verdient Aufmerksamkeit, weil wir ständig geneigt sind, den Primat Gottes zu verdrängen und durch unseren eigenen zu ersetzen. Den Primat Gottes zu leugnen heißt, aus Ihm eine abstrakte, statische Wahrheit zu machen, die unser Intellekt durchdringen könnte – dabei erkennt man Gott nicht ohne Gott; die Offenbarung ist kein weggezogener Vorhang vor einer stummen Szenerie, sondern die Bewegung dessen, der sich zeigt; Gott offenbart sich selbst –, den Primat Gottes zu leugnen heißt, Sein Wort in ein Lehrsystem zu pressen, das wir nach Belieben mit unserer Logik ordnen könnten. Und wir leugnen ihn ebenso, wenn wir unsere Erwiderung festschreiben und verkünden, wir besäßen den Glauben. Man hat den Glauben nicht so, wie man eine Kenntnis oder eine Versicherung hat. Denn der Glaube ist stets eine lebendige Verbindung, ein Wechselspiel und letztlich das Gespräch des Betens. Manchmal schweigt Gott, und unser Glaube wird dann zur Treue im Schweigen, aber immer zur Treue gegenüber einem gesprochenen, nicht veralteten Wort; immer eine Erwiderung.
Der Glaube als Erwiderung. Darin liegt zunächst sein wunderbarer Charakter. Denn wir sind gewohnt zu reden, nicht zu erwidern. Wir stellen Fragen an alles und jeden. Aber wir begreifen nicht, daß unser Dasein fortwährend von der Stimme abhängt, die es anspricht und beurteilt. Wir begreifen nicht, daß wir für dieses Dasein Rechenschaft schulden – unsere Verantwortlichkeit – und diese Rechenschaftspflicht, diese Notwendigkeit der Rechtfertigung vor Gott. Glauben heißt, diese bescheidene Stellung anzunehmen, anzunehmen, daß Gott über unser
Dasein bestimmt und, nachdem Er es ins Sein gerufen hat, auch seine Erfüllung herbeiführt. Man darf sich diese Annahme nicht als einmaligen Entschluß vorstellen, der keiner Erneuerung bedürfte. Auch hier zeigt sich der Glaube als lebendig, weil er täglich seine Anweisung erhält und sich ihr täglich fügt: er stellt uns unaufhörlich in unsere Stellung als Geschöpf zurück.
Gott erstrebt diese Erwiderung jedoch nicht, um sich damit zu schmücken, wie Menschen es tun. Er möchte zwar durch sein Reden die Mauern unseres Stolzes niederreißen. Doch Er schlägt diese Bresche, um sich selbst zu schenken und damit das Zwiegespräch zwischen Offenbarung und Glauben zu beginnen. Was Er ausspricht, sind Worte der Zuwendung, vergleichbar mit einem liebenden Werben. Er fordert auf, zu empfangen, was Er darbietet, Ihm zurückzugeben, was Er von sich selbst schenkt. Sein höchstes, abschließendes Wort besteht nicht in strengen Willenskundgebungen oder Verdammungssprüchen, sondern in seinem Sohn, dem Wort, der lebendigen Versöhnung, der Versöhnung in menschlicher Gestalt. Glauben heißt folglich, diese göttliche Mitteilung anzubeten, sie zu lieben, sie zu bejahen, sie ganz und gar zu unserer eigenen zu machen. „Der Wille meines Vaters ist, daß ihr an den glaubt, den Er gesandt hat". Nur dies, ganz dies.
Läßt sich nun behaupten, da der Glaube eine Erwiderung an Gott ist, an den Gott Jesu Christi, daß er unser Tun sei? Das stimmt, wenn wir mit unser betonen, daß unsere Person vollständig darin aufgeht, daß wir diesem höchsten Gegenüber nichts von unserer Zustimmung vorenthalten. Der Glaube ist unser, er kann nur unser sein, insofern wir es sind, alles was wir sind, was angesprochen, geliebt und erlöst wird, denn es gibt keinen Vorbehalt, den man zurückhalten oder verstecken könnte; keine Flucht vor Gott. Aber wie läßt sich behaupten, er sei unser Tun in dem Sinne, daß er uns gehöre, sobald wir die Aussage der Offenbarung begriffen haben, nämlich jenen absoluten Primat, der uns das Dasein, die Bewegung und das Sein schenkt und damit auch den Glauben selbst? Im Akt des Glaubens hebt sich der rational unauflösbare Gegensatz zwischen göttlicher Zuwendung und menschlicher Freiheit auf. Denn diese Zustimmung erteilen wir dem Willen, durch den allein wir sind und von dem wir alles bekommen; sie besteht genau darin, diese Großzügigkeit zu würdigen, die uns leben läßt. Wir begreifen somit, daß wir diese Zustimmung selbst ebenso bekommen, wie wir sie erteilen. An den Gott des Evangeliums glauben heißt, an den Gott zu glauben, der den Glauben schenkt, ihn wachsen läßt und unserem Unglauben beisteht.
Nun stellt sich die Frage, wohin der Glaube führt, diese rätselhafte Liebe, die durch die zuvorkommende Liebe geweckt wird. Die Antwort lautet: dorthin, wohin Er uns führen möchte. An dieser Stelle beginnt unser Erschrecken und regt sich der Widerstand. Hier nimmt der Glaube die bedrohliche Gestalt des totalen Risikos an. Wir könnten an Beliebiges glauben, ohne daß es uns wirklich berührte. So verhält es sich mit unseren philosophischen Systemen und Ethiken. Sie belassen uns in Freiheit; mehr oder weniger in Freiheit; jedenfalls genügend frei, sie zurückzuweisen, wenn sie Unmögliches verlangen. Zudem sind es Weisheitssysteme. Und es ist nicht weise, das Absurde zu erstreben. Der christliche Glaube, der kein Weisheitssystem darstellt, gestattet solche Hintertüren nicht. Er kennt keine Alternativen. Der Gott, den er verkündet, der Gott, den er vermittelt, ist wahrhaftig Gott. Er wäre es nicht, wenn Er nicht von vornherein vollkommene Hingabe forderte. Es wird nötig sein, alle Verbindungen hinter sich abzubrechen und auf Rückzugsoptionen zu verzichten. Man wird sich auf nichts anderes mehr als auf Ihn stützen können und keine Kalkulationen mehr aufstellen. Man muß setzen, sagte Pascal, alles setzen. Diese radikale Enteignung, die uns zugemutet wird, dieser Verzicht auf sämtliche unserer Absicherungen, ist eine übermenschliche Zumutung. Und es liegt auf der Hand, daß nur Gott dieses Wunder vollbringen kann. Welche andere Macht würde diesen Triumph erringen, der uns nichts beläßt?
Totales Risiko. Aber gleichzeitig, ein weiteres Paradox, totale Sicherheit. Denn wo ließe sich sonst die Bürgschaft finden, die Gott gewährt? Da es Seine ist, die wir annehmen, kann nichts sie aufheben. Sie deckt sämtliche unserer Risiken; sie reicht in die Zukunft wie in die Vergangenheit. Niemand vermag etwas gegen sie, nicht einmal wir selbst, außer wir beschließen bewußt, sie zu verwerfen. Man muß setzen, sagte Pascal, weil es um die Ewigkeit geht. Daraufhin haben ihn vermeintlich kluge Kritiker niederträchtiger Kalkulation bezichtigt. Doch seine Aussage meinte nicht, daß man Gott wie im Glücksspiel einsetze oder sich durch verzweifelten Willensentschluß zum Glauben zwinge; seine Aussage meinte, daß angesichts Gottes keine menschliche Option erwogen werden kann. Er hebt die Wahrscheinlichkeitsberechnung auf; Er vernichtet alles, was man mit Ihm vergleichen möchte; man kann Ihn zu nichts in Beziehung setzen. Es stimmt also streng genommen, daß der Glaube uns auf die riskanteste Weise leben läßt, aber ebenso wahr ist, daß er zugleich die sicherste Haltung darstellt, die einzig sichere.
Erlöst durch den Glauben. Was bedeuten diese vertrauten und doch rätselhaften Worte? Wörtlich verstanden, würde die Erlösung zu etwas leicht Erreichbarem? Oder würde sie aufhören, geschenkt zu sein, weil sie an eine menschliche Haltung geknüpft ist? Wenn der Glaube das ist, was dargelegt wurde, nämlich diese Bescheidenheit, dieser Gehorsam, dieses heldenhafte Wagnis, das alles auf ein gesprochenes Wort setzt, wer könnte ihm vorwerfen, selbstsüchtige Passivität zu fördern? Und wenn er nur insofern unser Tun ist, als er uns vollständig in Anspruch nimmt, und keineswegs in dem Sinne, daß wir seine Schöpfer wären, wo liegt das Problem? Die Erlösung durch göttliche Zuwendung und die Erlösung durch den Glauben widersprechen sich nicht, weil glauben bedeutet, die göttliche Zuwendung anzunehmen, weil der Glaube selbst eine göttliche Zuwendung ist, weil die göttliche Zuwendung nur ein Ziel verfolgt: die Erwiderung des Glaubens zu erlangen.
Der Einwand, der Glaube mache die Erlösung zu etwas Billigem oder Mühelosem, verkennt die wahre Natur dieses Geschehens. Denn der Glaube fordert nichts Geringeres als die Preisgabe unserer gesamten Existenz. Er verlangt, daß wir uns selbst aufgeben, um uns neu zu empfangen. Diese Bewegung der Selbstentäußerung und des Neuempfangens ist das Gegenteil von Bequemlichkeit oder Trägheit. Sie stellt vielmehr die radikalste Umkehr dar, zu der ein Mensch fähig ist.
Wer glaubt, verzichtet auf alle Selbstrechtfertigung. Er gibt zu, daß er aus eigener Kraft nicht bestehen kann, daß seine Gerechtigkeit vor Gott nichts gilt, daß all seine Anstrengungen ihn nicht retten können. Diese Kapitulation vor der Wahrheit über uns selbst ist schmerzhaft und demütigend. Sie widerspricht allem, was unsere Natur begehrt. Wir möchten etwas vorweisen, etwas beitragen, uns als würdig erweisen. Der Glaube aber nimmt uns diese Möglichkeit. Er zwingt uns, mit leeren Händen dazustehen und alles zu empfangen.
Zugleich ist der Glaube keine passive Haltung, kein bloßes Erdulden oder Hinnehmen. Er ist vielmehr höchste Aktivität, weil er die ganze Person mobilisiert und in Bewegung setzt. Wer glaubt, antwortet mit seinem ganzen Sein. Er sagt Ja mit Verstand, Willen und Gefühl. Er öffnet sich vollständig für das, was Gott ihm zusagt. Diese Öffnung ist ein Akt höchster Konzentration und Aufmerksamkeit. Sie erfordert, daß wir alle anderen Stimmen zum Schweigen bringen und allein auf die eine Stimme hören, die uns anspricht.
Der Glaube ist ferner kein einmaliger Vorgang, der abgeschlossen wäre, sobald wir einmal Ja gesagt haben. Er ist vielmehr ein beständiges Geschehen, das sich täglich erneuern muß. Jeden Tag stehen wir vor der Wahl, ob wir Gott glauben oder uns auf uns selbst verlassen wollen. Jeden Tag müssen wir uns neu für die Abhängigkeit von Ihm entscheiden. Denn unsere Natur drängt uns unaufhörlich zurück in die Selbstgenügsamkeit, in den Versuch, ohne Gott auszukommen. Der Glaube ist daher ein ständiger Kampf gegen unsere eigenen Neigungen, ein beständiges Sterben des alten Menschen und ein Auferstehen des neuen.
Dabei bleibt der Glaube immer auf seinen Gegenstand bezogen. Er kreist nicht um sich selbst, sondern um Christus. Er fragt nicht nach der Stärke oder Schwäche unseres Glaubens, sondern nach der Treue dessen, dem wir glauben. Ein schwacher Glaube an einen starken Gott ist mehr wert als ein starker Glaube an einen schwachen Gott. Die Kraft des Glaubens liegt nicht in seiner Intensität, sondern in seinem Objekt. Deshalb können auch die Schwachen und Zweifelnden glauben, denn es kommt nicht auf ihre Leistung an, sondern auf die Verheißung, an die sie sich klammern.
Der Glaube befreit uns auch von der Tyrannei unserer Gefühle. Er macht uns unabhängig von den Schwankungen unserer Stimmungen und Empfindungen. Denn er gründet nicht auf dem, was wir fühlen, sondern auf dem, was Gott gesagt hat. Sein Wort bleibt bestehen, auch wenn unsere Gefühle uns im Stich lassen. Seine Zusage gilt, auch wenn wir sie nicht spüren. Der Glaube lehrt uns, der objektiven Wahrheit mehr zu trauen als unseren subjektiven Zuständen. Er befreit uns von der Selbstbeobachtung und richtet unseren Blick nach außen, auf Christus.
Schließlich ist der Glaube auch der Weg zur Erkenntnis. Nicht umgekehrt, als müßten wir erst erkennen, um dann glauben zu können. Sondern wir glauben, um zu erkennen. Der Glaube öffnet die Augen für Wirklichkeiten, die dem Unglauben verschlossen bleiben. Er erschließt eine Dimension der Wahrheit, die der bloße Verstand nicht erreichen kann. Durch den Glauben werden wir fähig, Gott zu erkennen, nicht als Idee oder Prinzip, sondern als lebendige Person, die zu uns spricht und mit uns in Beziehung tritt. Diese Erkenntnis wächst mit dem Glauben und vertieft sich im Laufe des Lebens. Sie ist keine statische Besitznahme von Wahrheiten, sondern ein dynamisches Kennenlernen einer Person.
So erweist sich der Glaube als jene Haltung, in der allein der Mensch zu seiner Bestimmung gelangt. Denn wir sind geschaffen, um in der Beziehung zu Gott zu leben. Diese Beziehung wird durch den Glauben hergestellt und aufrechterhalten. Ohne Glauben verfehlen wir unseren Daseinszweck. Mit dem Glauben erfüllen wir ihn, nicht durch eigene Leistung, sondern indem wir empfangen, was Gott uns schenken möchte: sich selbst.
Es bleibt noch zu bedenken, wie sich der Glaube im konkreten Leben auswirkt. Denn es wäre ein Mißverständnis zu meinen, der Glaube sei eine rein innerliche Angelegenheit ohne Folgen für unser Handeln. Im Gegenteil: Der Glaube verändert unser gesamtes Dasein von Grund auf. Er schafft eine neue Sichtweise auf die Welt, auf die Mitmenschen und auf uns selbst.
Wer glaubt, sieht die Welt nicht mehr als sinnloses Chaos oder als mechanisches Räderwerk, sondern als Schöpfung Gottes, die auf ein Ziel zuläuft. Die Geschichte erscheint nicht mehr als blinde Abfolge von Ereignissen, sondern als Heilsgeschichte, in der Gott sein Werk vollendet. Die Gegenwart verliert ihren bedrohlichen Charakter, weil sie eingebettet ist in Gottes Plan. Die Zukunft macht keine Angst mehr, weil sie in Gottes Hand liegt. Der Glaube befreit uns von der Verzweiflung angesichts der Vergänglichkeit und schenkt uns Hoffnung, die über den Tod hinausreicht.
Auch die Mitmenschen erscheinen im Licht des Glaubens in neuem Glanz. Sie sind nicht mehr bloße Konkurrenten im Kampf ums Dasein oder Mittel zum Zweck, sondern Geschöpfe Gottes, geliebt von Ihm und zur Gemeinschaft mit Ihm berufen. Der Glaube weckt die Liebe zum Nächsten, nicht als moralische Pflicht, sondern als natürliche Frucht der empfangenen Liebe. Wer von Gott geliebt wird, kann nicht anders, als diese Liebe weiterzugeben. Der Glaube macht uns fähig zur Vergebung, weil wir selbst Vergebung empfangen haben. Er macht uns fähig zum Dienen, weil Christus uns gedient hat.
Uns selbst gegenüber bewirkt der Glaube eine heilsame Nüchternheit. Er nimmt uns die Illusionen über unsere Größe und Güte. Er zeigt uns, wie wir wirklich sind: bedürftig, fehlerhaft, auf Rettung angewiesen. Zugleich aber schenkt er uns eine neue Würde, nicht gegründet auf unsere Leistungen, sondern auf Gottes Erwählung. Wir sind wertvoll, nicht weil wir etwas können oder besitzen, sondern weil Gott uns liebt. Diese Würde kann uns niemand nehmen, weil sie nicht von uns abhängt. Der Glaube befreit uns vom Zwang, uns selbst beweisen zu müssen. Er erlöst uns von der Selbstsucht, die uns gefangenhält, und öffnet uns für die Hingabe an Gott und die Menschen.
Der Glaube führt auch zu einem neuen Umgang mit Leid und Schuld. Er leugnet das Leid nicht und redet es nicht schön. Aber er setzt es in einen größeren Zusammenhang. Das Leiden wird nicht sinnlos, weil Christus selbst gelitten hat und uns im Leiden nahe ist. Die Schuld wird nicht verharmlost, aber sie wird vergeben und verliert damit ihre zerstörerische Macht. Der Glaube ermöglicht es uns, mit unserer Vergangenheit Frieden zu schließen, weil Gott sie getilgt hat. Er befreit uns von der Angst vor dem Gericht, weil Christus für uns einsteht.
Schließlich prägt der Glaube auch unsere Haltung zur Zeit. Er lehrt uns, im Heute zu leben, weder in der Vergangenheit zu verharren noch in die Zukunft zu flüchten. Denn Gott begegnet uns im Jetzt, in diesem Augenblick, in dem Er zu uns spricht. Der Glaube macht uns aufmerksam für die Gegenwart Gottes im Alltäglichen. Er öffnet unsere Sinne für die Zeichen seiner Nähe. Er lehrt uns, jeden Tag als Geschenk zu empfangen und zu nutzen.
Dabei bleibt der Glaube immer angewiesen auf die Gemeinschaft der Glaubenden. Niemand kann allein glauben, denn der Glaube ist seinem Wesen nach gemeinschaftlich. Er verbindet uns mit allen, die vor uns geglaubt haben, mit denen, die jetzt glauben, und mit denen, die nach uns glauben werden. In der Gemeinschaft der Kirche wird der Glaube genährt und gestärkt. Hier wird das Wort Gottes verkündet, das den Glauben weckt. Hier werden die Sakramente gefeiert, die den Glauben sichtbar machen und besiegeln. Hier ermutigen und korrigieren sich die Glaubenden gegenseitig. Hier wird der Glaube weitergegeben von Generation zu Generation.
So zeigt sich, daß der Glaube keine weltfremde Spekulation ist, sondern die einzig realistische Haltung zum Leben. Er allein entspricht der Wirklichkeit, wie sie tatsächlich ist: geschaffen von Gott, gefallen in Sünde, erlöst durch Christus, unterwegs zur Vollendung. Wer glaubt, lebt in Übereinstimmung mit dieser Wirklichkeit. Wer nicht glaubt, lebt an der Wirklichkeit vorbei, mag er sich auch noch so klug und aufgeklärt dünken.
In unserer gegenwärtigen Lage, die uns zu diesen Betrachtungen veranlaßt hat, erweist sich der Glaube als die einzige tragfähige Grundlage für das Leben. Alle anderen Fundamente haben sich als brüchig erwiesen. Die Vernunft allein vermag uns nicht zu tragen, denn sie stößt an Grenzen, die sie nicht überschreiten kann. Die Gefühle täuschen uns, denn sie wechseln mit den Umständen. Die Moral versagt, denn wir vermögen nicht zu tun, was wir als richtig erkennen. Nur der Glaube hält stand, weil er nicht auf uns ruht, sondern auf Gott. Nur der Glaube schenkt Gewißheit, weil er sich nicht auf menschliche Weisheit stützt, sondern auf göttliche Offenbarung. Nur der Glaube gibt Kraft zum Leben, weil er uns mit der Quelle allen Lebens verbindet.
Darum gilt es, im Glauben zu verharren, auch wenn alles dagegen zu sprechen scheint. Darum gilt es, den Glauben zu pflegen durch Gebet und Schriftlesung, durch Gemeinschaft und Gottesdienst. Darum gilt es, den Glauben zu bezeugen durch Wort und Tat, damit auch andere den Weg zu dieser Quelle finden. Denn der Glaube ist nicht nur für uns selbst bestimmt, sondern für alle Menschen. Gott will, daß alle gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Diese Wahrheit aber erschließt sich allein dem Glauben, jenem Glauben, der Gottes Antwort auf Gottes Wort ist, der Gottes Gabe und zugleich unsere Antwort darstellt, der uns nichts kostet und doch alles, der uns alles nimmt und doch alles schenkt.
Andreas W. Tauber
Als Antwort auf Andreas W. Tauber • •